Kinder atmen auf natürliche Weise

Man muss sich klar machen, was ,natürliches Atmen‘ heißt. Schaut euch kleine Kinder an – die atmen natürlich. Deswegen sind kleine Kinder auch so voller Energie. Die Eltern sind erschöpft und sie kein bisschen!
Ein Junge sagt: „Ich hab so viel Energie, dass ich alle sieben Tage ein paar neue Schuhe brauche.”
Ein anderer sagt: „Das ist gar nichts. Ich bin mit meinen Kleidern alle drei Tage am Ende.”
Der Dritte sagt: „Aber gegen mich seid ihr Zwerge! Ich habe so viel Energie, dass meine Eltern nach drei Tagen am Ende sind!”
In Amerika hat man ein Experiment gemacht: Ein sehr starker Mann mit athletischem Körper und grenzenloser Energie bekam die Aufgabe ein kleines Kind nachzuahmen, ihm in allem zu folgen. Was immer das Kind machte, dass musste er auch tun, musste ihm einfach mal acht Stunden lang alles nachmachen. Nach vier Stunden war der Athlet fertig, lag japsend am Boden, denn das Kind hatte großen Spaß daran gefunden und alles Mögliche angestellt – hatte gehüpft, gejoggt, rumgebrüllt, schrille Schreie ausgestoßen… Und der Athlet brauchte es ihm nur nachzutun. Der Junge war nach vier Stunden immer noch voller Energie. Der Athlet war fertig; er sagte: „Der bringt mich um! Acht Stunden! Schluss jetzt! Ich kann einfach nicht mehr.” Er war ein berühmter Boxer, aber Boxen ist etwas anderes. Mit einem Kind kann keiner mithalten.
Woher hat es seine Energie? Sie kommt vom pranayama kosha. Ein Kind atmet auf natürliche Weise und atmet folglich mehr prana ein, mehr chi ein, das sich in seinem Bauch ansammelt. Der Bauch ist sein Speicher, sein Vorratslager. Beobachtet einmal ein Kind: So wird richtig geatmet! Wenn ein Kind atmet, bleibt sein Brustkorb dabei völlig unbeteiligt. Nur sein Bauch hebt und senkt sich: Es atmet sozusagen aus dem Bauch heraus. Alle Kinder haben ein Bäuchlein; das haben sie nur auf Grund ihres Atmens und ihres Energievorrats.
So also atmet man richtig. Denkt daran, nicht zu sehr mit der Brust zu atmen. Manchmal ist das zwar gut – z.B. in Notlagen: Du rennst um dein Leben, da darf man die Brust einsetzen – in Notwehr. Dann ist flaches, schnelles Atmen und Rennen angesagt.
Aber normalerweise sollte die Brust keine Rolle spielen. Und dies eine solltet ihr euch merken: Die Brustatmung ist nur für Notsituationen da. Schließlich kann man in Notlagen kaum natürlich atmen; denn mit natürlicher Atmung bliebe man so ruhig und so gelassen, dass man gar nicht rennen, nicht kämpfen könnte. Dann wäre man so ruhig und gesammelt, dass man eher einem Buddha gliche. Und wenn du in einer Notsituation – dein Haus steht in Flammen! -weiter auf natürliche Weise atmest, wirst du nichts retten können. Oder wenn dich im Urwald ein Tiger anspringt, du aber ganz natürlich weiteratmest, dann wird dir alles egal sein; dann sagst du dir: „Okay. Lass ihn machen, was er
will!” Jedenfalls wirst du nicht in der Lage sein dich zu schützen.
Die Natur hat euch also auch für Notlagen ausgestattet – die Brustatmung ist ein Mittel für Notlagen. Wenn dich ein Tiger anfällt, musst du mit dem natürlichen Atmen aufhören und zur Brustatmung übergehen. Dann wirst du besser rennen, kämpfen und schnell Energie verbrennen können. Und in einer Notlage hast du nur diese eine Alternative: Flüchten oder Standhalten. Zu beidem ist ein sehr flaches, aber intensives Atmen erforderlich – zwar flach, aber in hellwacher, angespannter Verfassung.
Wenn ihr jedoch ständig nur aus der Brust atmet, wird euch das innerlich verspannen. Wenn ihr ununterbrochen aus der Brust atmet, werdet ihr ständig in Angst leben. Denn die Brustatmung ist einzig und allein für Angstsituationen gedacht. Wenn sie euch jedoch zur Gewohnheit geworden ist, dann werdet ihr immerzu ängstlich, verspannt, immer auf der Flucht sein. Es ist zwar kein Feind da, aber in eurer Vorstellung wimmelt es von Feinden! Auf die Art und Weise entsteht Paranoia.
Auch im Westen gibt es Leute, die auf dieses Phänomen gestoßen sind – z.B. Alexander Lowen und andere Vertreter der Bioenergetik, die die Lebensenergie des Menschen erforscht haben – die wir in Indien prana nennen. Sie haben entdeckt, dass ängstliche Menschen eine verkrampfte Brust haben und nur ganz flach atmen. Wenn man ihnen dazu verhelfen kann, tiefer einzuatmen, so tief, dass es bis in den Bauch geht und dort das Hara-Zentrum berührt, dann verschwindet ihre Angst.
Dazu braucht sich nur ihre Muskulatur zu entspannen – wie es z.B. im Rolfing geschieht… Ida Rolfe hat fantastische Methoden zur Veränderung der inneren Körperstrukturen entwickelt. Denn in Menschen, die über viele Jahre hin falsch geatmet haben, hat sich eine bestimmte Muskulatur ausgebildet und diese Muskulatur steht nun im Wege und gestattet einem nicht richtig zu atmen oder tief zu atmen. Und selbst wenn man sich vornimmt, tief durchzuatmen, ist das nach ein paar Sekunden schon wieder vergessen. Man macht zwar ein paar tiefe Atemzüge, aber sobald man sich wieder in seine Arbeit vertieft, geht die flache Brustatmung sofort wieder los.
Also muss die Muskulatur verändert werden. Sobald dies geschehen ist, verschwindet die Angst und verschwindet die Angespanntheit. Rolfing ist da ungeheuer hilfreich; aber was dabei bearbeitet wird, ist der pranayama kosha – also der zweite Körper oder auch der Bioplasma-Körper oder Bioenergie-Körper, chi-Körper oder wie immer man ihn auch nennen will.
Beobachtet ein Kind und da habt ihr das natürliche Atmen; und dann atmet selbst so. Lasst euren Bauch sich beim Einatmen heben, lasst euren Bauch sich beim Ausatmen senken. Und lasst es so rhythmisch werden, dass es fast zu einem Gesang, einem Tanz eurer Energie wird – mit Schwung, mit Harmonie; und ihr werdet euch so entspannt, so lebendig, so vital fühlen, dass ihr selber nicht glauben werdet, wie es so viel Vitalität überhaupt geben kann!

aus: Yoga: The Alpha and the Omega

<-- zurück